Venedig – Stadt der Schatten

 

Venedig bei Nacht und dann noch im Herbst. Nieselregen. Die nächstgelegenen Laternen der Straßenbeleuchtung sind immer etwas zu weit weg für unseren Geschmack und spenden nur geizig verwaschenes Licht. Die tagsüber gezirkelte Architektur Venedigs verändert sich zu dieser Zeit (und bei diesem Wetter) zu einer grau-braunen Melasse aus Stein und Lagune. Dort, wo noch Licht hinfällt, schälen sich fahle Farben aus der schlammigen Dunkelheit. Die Touristenmassen sind weg; die wenigen sichtbaren Einheimischen verschwimmen als unscharfe Konturen im Zwielicht der ausgestorben wirkenden Kanalpromenaden der Stadt.
Der Fotograf Robert Evangelisto hat mit dieser Arbeit zum Thema Venedig sozusagen zögernd zu den Menschen zurückgefunden. In seinen beiden letzten Serien „Der Zweite Ort“ sowie „Das Haus der Kassierers“ fiel die bizarr anmutende, radikale Abwesenheit von Menschen an eigentlich belebten Orten auf. Hier, in Venedig, tauchen sie wieder auf, wenn auch nur als einsame Schemen. Die verwischten Figuren kommen und gehen in den Bildern wie Geister, was an einem so morbiden Ort wie dem nächtlichen Venedig gar nicht mal unpassend wirkt. Spontan gruselnd denkt man an „Tod in Venedig“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Fehlt nur noch, dass diese Gestalten einem ein gehauchtes „Veni etiam – auch ich bin hierher gekommen“ zuflüstern, so wie sich vor 1500 Jahren die Bewohner der vielen kleinen Pfahlbausiedlungen in der Lagune mit diesem geheimnisvollen Losungswort begrüßten. Die Losung wurde später zum Namen der mächtigen Stadt.
Das Imperium existiert nicht mehr; geblieben ist ein Labyrinth aus Gassen und Kanälen. Robert Evangelistos Venedig-Bilder erzählen nicht von Architektur und Geschichte. Natürlich kann man ein paar der berühmten Architekturen erkennen: Markusplatz mit Campanile, Dogenpalast und Rialtobrücke.
Doch es geht nicht um diese Sehenswürdigkeiten. „Die Stadt der Schatten“ erzählt von den fast unsichtbaren Bewohnern und ihrem Blickwinkel auf die Stadt. Vom Lebensgefühl, in Venedig zu Hause zu sein. Es gibt in den Bildern deutliche, wenn auch indirekte Hinweise, dass in Venedig Menschen leben: Hinweis- und Reklameschilder, liebevoll gepflegte Eingangsbereiche, Licht hinter den verhangenen Fenstern. Venedig ist kein Museum; für die Bewohner, die man jetzt nur schwach erahnt, ist es einfach Heimat.
Robert Evangelisto streift nicht wie ein Tourist durch die Straßen, sondern eher wie ein Anwohner, der nach dem Abendessen mal kurz ein paar Runden in der vertrauten Umgebung dreht und den Palästen und Kathedralen kaum einen Blick schenkt. Dabei fast unsichtbar zu sein, nur als Schatten wahrgenommen zu werden, ist für jeden Venezianer wahrscheinlich eine allabendliche Erholung angesichts von 14 Millionen Touristen jährlich.
Werner Strasdat