Schwarz zu Blau

 

 

Schwarz zu Blau

Was passiert eigentlich, wenn ein Fotograf nach Hause fährt, so nach getaner Belichtungsarbeit an düsteren Orten? Bleibt die Kamera im Kofferraum, in der Umhängetasche, geht es „kurzwegigst“ ins heimische Laken? Der Künstler Robert Evangelisto, wir erinnern uns an seine Arbeiten aus der Serie „Der Zweite Ort“, ist jemand, der gerne zögert, bevor er seinen Sinnen traut. Alle Orte haben ein Eigenleben. Licht hat ein Eigenleben. Ein Fotograf weiß das.

Aus solchem Zögern entstanden die Bilder der neuen Serie „Schwarz zu Blau“. Sie zeigen völlig verschiedene Ansichten zum Thema Morgendämmerung, es dominiert jedoch immer noch die Nacht. Der neue Tag, auch er zögert. Doch die morgendliche Bläue strahlt selbst in ihrer frühen Schwäche eine immense Kraft aus. Eine heitere und optimistische Kraft. Zu dieser Stunde sind wir bereit, alles zu glauben und alles zu wünschen. Sie erinnert uns an durchgemachte Nächte voller Arbeit oder Glück. Oder an einen tatkräftigen Neubeginn. Das Licht des frühen Morgens hat die Menschen schon immer berauscht.

Die Bilder entstanden auf den Heimfahrten von den erwähnten „zweiten Orten“. Das Gelb der Autoscheinwerfer mischt sich mit dem ersten Blau des Tages, wenn also das Blau kurze Momente lang besonders betont erscheint. Es herrscht keine Dunkelheit mehr, aber es sind Momente natürlicher Monochromie.

Schwarz zu Blau spielt mit den Übergängen dunkel zu hell, Nacht zu Tag, farblos zu farbig. Das klingt nach profaner Dichotomie; die Bilder zeigen jedoch verblüffend vielfältig, dass Licht ein gerade noch farbiges Kontinuum ist, das selbst im schmalen Spektrum der Dämmerung noch gegen Unendlich zu gehen scheint. Mit einem Minimum an Licht sind hier Landschaften aus Licht entstanden.

Zum Beispiel die Aufnahmen am Meer, fotografiert im Januar: Sie bilden den Abschluss der Serie, weil hier das Blau am weitesten zum Weiß des Tages fortgeschritten ist und es der letzte Augenblick ist, in dem es noch die Eigenfarben der Umgebung unterdrücken kann.

Für den Fotografen Robert Evangelisto haben diese Bilder nach eigener Aussage einen katharsischen Effekt. Nicht das Düstere und Schwere der Nacht dominiert, sondern eher die Erwartung eines neuen Tages. Es sind die letzten Minuten der Straßenlaternen und der Neonlichter. Sozusagen eine Lichttherapie nach den ermüdenden Stunden an den „zweiten Orten“ mit ihrem trübem Kunstlicht. Hinzu kommen sicherlich noch die euphorisierenden Effekte einer durchgearbeiteten Nacht.

Auffällig ist an dieser Serie wieder einmal die völlige Abwesenheit von Menschen, nichts Ungewöhnliches in den Fotografien von Robert Evangelisto. Lediglich am Meer meint man einen Menschenschatten wahrzunehmen. Doch wer weiß, zu dieser Tageszeit könnten Mitmenschen auch einfach nur auf eine Halluzination reduziert sein…

Die Orte, an denen schwarz und blau zum Rendez-Vous zusammenkommen, sind nebensächlich und teilweise dem Verlauf der vorangegangenen Nacht geschuldet: ein Parkplatz, eine Straße, von einer Brücke, am Strand, am Küchenfenster. Die erste Bläue des Tages findet man überall auf diesem Planeten. Robert Evangelisto sucht diese Bläue nicht, er begegnet ihr.

Werner Strasdat