Oneironauten

 

Träume ich oder bin ich wach? Diese Frage kann sich der Mensch während des Tages des Öfteren stellen, um durch dieses mentale Konditionierungstraining die Fähigkeit zu erlangen, nachts bewusst zu träumen und seine Träume mitbestimmen bzw. willentlich steuern zu können. Dieses Phänomen wird „luzider Traum“ oder „Klartraum“ genannt und ist Thema der 2010 konzipierten Serie „Oneironauten“ von Robert Evangelisto.

Das Thema ist zeitlos aktuell, und es ist seit kurzem in der Schlafforschung erneut in den Fokus gerückt. Der Begriff „Oneironauten“ stammt aus dem Griechischen und kann mit „Traumschiffer“ übersetzt werden. (oneironoi: Träume; nautes: Schiffer, Matrose, Seemann)
In der griechischen Mythologie werden die Oneironoi als Söhne des Schlafgottes Hypnos – Vater der Träume und Bruder des Todes Thanatos – genannt. Morpheus, Phobetor und Phantasos sind ihre Namen, und sie leben als dämonische schwarzgeflügelte Wesen an der Grenze des Hades.
Diese sinnbildlich zu verstehenden Söhne des Hypnos besuchen uns in unserem Nachtschlafgeschehen, und indem wir Betrachter dieses Geschehens werden, können wir uns das Geträumte nicht nur merken, sondern wir haben, während wir träumen, Einfluss bzw. Handlungsmöglichkeiten, den Traum in gewünschte Richtungen zu lenken.
Wie stellt man nun ein solches Thema fotografisch dar? Auf die Malerei bezogen denken wir an Salvador Dalí, der die Inspirationen für seine surrealistischen Bilder aus luziden Träumen erhielt. Robert Evangelisto hingegen beabsichtigt nicht, Klarträume durch Bildinhalte und Kompositionen darzustellen, sondern er symbolisiert vielmehr das Thema an sich.
„Schlafen“ und „wachen“ oder „wach(sam) sein“ sind die Stichworte für diese Traumreisen. So entstanden zunächst Aufnahmen von Gesichtern schlafender Kinder, so dass sich alles um den Kopf dreht, in dem das Gehirn die Traum-Funktionen beherbergt.
Das Wachsein versinnbildlicht Robert Evangelisto durch den „Wächter“. In diesem Begriff verbirgt sich nicht nur wörtlich, sondern auch inhaltlich das Wort „wach“. Die wachenden Kinder tragen einen Helm, um ihre Wächterrolle zu demonstrieren. Warum wurden Kinder für diese Serie gewählt? Als Kinder besitzen wir noch Fähigkeiten, die wir uns als Erwachsene oft erst wieder hart erarbeiten müssen. Der Welt der Kinder steht noch alles offen. Sie begeben sich als Entdecker auf die bevorstehende Fahrt oder Reise des Lebens. Kinder haben Träume, die uns Erwachsenen in der nüchternen Welt mit ihren nackten Tatsachen schon überwiegend oder komplett abhanden gekommen sind. Sie haben auch keine Schwierigkeiten damit, eine Traumwelt im Spiel real werden zu lassen.
Die „Kinder-Porträts“ vesinnbildlichen also einerseits die noch (relative) Losgelöstheit aus der realen Welt, und anderseits erinnern sie uns Erwachsene an den Anteil „Kind“ in uns und rufen ihn wach. Es handelt sich in der Serie bei den Schlafenden und den Wächtern in ihrer Gegenüberstellung jeweils um ein und dieselbe Person. Schlafen und Wachen verdeutlichen die zwei unterschiedlichen Teile einer Traumperson, bzw. des luziden Traums: Ein Teil träumt und ein Teil wacht.
Der Wächter bestimmt hierbei einerseits den Verlauf des Traumes als eine Art Traum-Regisseur, und gleichzeitig wacht er über ihn. Anders ausgedrückt symbolisiert er den Schutz für den Schlafenden, der nicht hilflos seinen Träumen ausgesetzt sein soll und steht für den bewussten Teil der Traumes – den Klartraum. Der wache Anteil der Traumperson besitzt insofern eine bipolare Persönlichkeit. Die Schlafenden, die in das Reich der Träume gesegelt sind, sind die Passagiere, die den luziden Traum träumen.
Sowohl bei den Schlafenden, als auch bei den Wächtern kommt dem Betrachter schnell die Assoziation „Tod“ in den Sinn. Bei den Schlafenden wird dies unterstützt durch die Konzentration auf das schlafende Gesicht. Die ritterlichen Helme der Wächter erinnern auf der anderen Seite an Kriege und Schlachten, die weder vor Alter noch vor Geschlecht halt machen.
Das Thema „Klartraum“ hätte fotografisch nicht besser dargestellt werden können, denn die Gesichter der schlafenden Kinder erscheinen regelrecht luzide, und es wird eine Feinstofflichkeit erzielt, die für Träume bezeichnend ist.
Der Mensch ist ein schutzsuchendes Wesen, und er entwickelt automatisch Mechanismen, um nicht verletzt zu werden. Zu diesen zählen auch Träume, die nicht nur dafür da sind, Geschehenes zu verarbeiten, sondern sie können auch helfen, sich selbst zu beschützen.
Für die Schlafenden auf Robert Evangelistos Werken sorgen die eigenen Wächter hierfür, was durch die zufriedenen und entspannten Gesichter der Kinder auf diesen Fotografien ausgestrahlt wird.
Da haben auch die von Dämonen getriebenen Albträume keine Chance. Traum und Wirklichkeit werden zu selbstbestimmenden Bestandteilen des Lebens und lassen uns in Raum und Zeit alles gleichzeitig sein – auch alt u n d jung.
Ute Freyer, Kunsthistorikerin und Galeristin