Großstadtlichter / Großstadtliebe

Robert Evangelistos Großstadtlichter / Großstadtliebe

Unter dem Titel „Großstadtlichter – Großstadtliebe“ präsentiert uns Robert Evangelisto eine neue Fotoserie, welche die Szenarien seines bekannten Zyklus „Der 2. Ort“ aufgreift und inhaltlich an die Thematik des Sehnsuchtaspektes anknüpft.
So eng diese neue Fotografie-Serie mit dem bereits entstanden Zyklus ‚Der 2. Ort’ verbunden ist, so eigenständig und unabhängig ist dieses aufbauende Werk dennoch zu betrachten.

Einem bereits in sich geschlossenen und vollendeten Licht-Raum-Bild durch die Zutat ‚Liebespaar’ eine neue Form-Vollkommenheit und eine weitere Dimension durch sowohl Intentionsverschärfung, als auch -verlagerung zu verschaffen, ist der besondere neu hinzugekommene Reiz an diesen Arbeiten. Aber auch die plötzliche Änderung der Betrachtungsfokussierung: Der Blick wird magisch auf das Liebespaar gezogen, das in seiner verhältnismäßig geringen Proportion zum Bildganzen die primäre Aufmerksamkeit erhält. Der Mensch fühlt sich eben zum Menschen hingezogen.
Gleichzeitig werden die unabhängigen Wirkungen, die einerseits von den Orten und andererseits von den Paaren ausgehen, aufgehoben und erleben eine Vereinigung auf einer anderen Ebene. Die Verbundenheit der sich umarmenden oder sich küssenden, sich an den Händen haltenden oder nur beisammen stehenden Menschen wird zur Verbundenheit mit den sie umgebenden Räumen.

Die Ausstrahlungskraft des vom künstlichen Licht bestimmten Nachtszenarios eines unbedeutenden menschenleeren Ortes wird durch die Hinzufügung eines Liebespaares aber nicht zwingend belebter und vertrauter, sondern hier bleibt der wie auch vielfach zum ‚Der 2. Ort’ erwähnte hoppereske Zug bestehen. Nur schafft es Robert Evangelisto in diesem ‚belebten’ Zyklus, diese weiten und einsam anmutenden ‚Nachtlandschaften’ beizubehalten, obwohl er sogar Liebespaare in Szene setzt.

Die zwischenmenschlichen Verhältnisse werden durch die Licht-Verhältnisse bestimmt und werfen hier nicht nur im eigentlichen, sondern auch im übertragenen Sinne des Wortes die Frage auf: In welchem Licht sind diese Liebesbeziehungen zu sehen? Sind sie positiv oder negativ beschattet?
Die Antwort bleibt offen, wie die Orte, an denen sich die Paare befinden.
Durch die Anonymität der Dargestellten wird die Sehnsucht nach dem letztendlich Unbekannten verstärkt.

Robert Evangelisto entwirft eine ganz eigene Typologie der Orte und Momente der menschlichen Empfindungen. Er vereint die imaginative mit der emotionalen Fotografie, indem er eine Verdoppelung von Wirklichkeiten schafft und die Bilder mit Gefühlen wie Liebe, Glück und gleichzeitig auch Sehnsucht und Melancholie auflädt.

Ute Freyer M.A.
(Kunsthistorikerin und Galeristin)